Erfordert die Digitalisierung, dass Mittelständler ihre Rolle neu erfinden?

„Wir sind doch nur ein metallverarbeitendes Unternehmen. Mit IT wollen wir uns nicht befassen, die soll einfach funktionieren.“ Diesen Anspruch äußerten einige der Vertreter der Industrie auf dem Colloquium „Industrielle IT“ des Verbandes der IT-Industrie Berlin-Brandenburg (SIBB e.V.) und des Innovationszentrums Moderne Industrie Brandenburg (IMI), welche am 19.02, in den Räumen von ORACLE in Potsdam gehalten wurde. Rund 70 Teilnehmer diskutierten über ihre Erfahrungen bei der Digitalisierung und Modernisierung von Produktionsprozessen.

Können große Unternehmen die Herausforderungen der kleinen verstehen?Wenn man vom Gastgeber ORACLE absieht, wurde diese sicher berechtigte Forderung der mittelständischen Industrie von den IT-Unternehmen auch verstanden und aufgenommen. ORACLE stellte eine tolle Location zur Verfügung und war ein hervorragender Gastgeber war. Allerdings wurden bei der Vorstellung neuer Produkte und einer tollen Vision einer digitalen Zukunft die Probleme des mittelständischen Unternehmers gar nicht aufgegriffen. Wahrscheinlich sind solche Unternehmen zu groß, um zu verstehen, vor welche  Aufgaben kleinere und mittlere Unternehmen durch die Digitalisierung gestellt werden. Hier ist die Augenhöhe wohl zu unterschiedlich. Bei den kleineren IT-Unternehmen der Region ist diese eher gegeben und diese haben im Colloquium die Befürchtungen und Probleme aus der produzierenden Industrie auch aufgegriffen.

Dass die Zusammenarbeit gut funktionieren kann, zeigte das Praxisbeispiel der Ortrander Eisenhütte, dem internationalen Gusszentrum in der Lausitz. Hier wurde IT in sehr traditionelle Produktionsabläufe integriert, was eine enge Zusammenarbeit  des Unternehmens mit dem IT-Dienstleister erforderte. Hierfür war das Unternehmen mit eigenem IT-Manager augenscheinlich gut aufgestellt.

Individuelle Anforderungen oder von der Stange kaufen

Wer nicht klar machen kann, was er braucht, muss nehmen, was er bekommt.

„Wenn mir schon einer kommt und sagt, ich müsse ein Pflichtenheft schreiben, den schmeiße ich direkt raus.“  In diesem Satz eines Geschäftsführers eines kleineren Unternehmens mit ca. 30 Mitarbeitern zeigt sich das Dilemma, in welchem der Mittelstand steckt. Man ist gar nicht gegen digitale Technik eingestellt, sie überfordert aber die Unternehmen.

Ein ERP-System ist nun mal keine Bohrmaschine. Sie ist viel komplexer als eine Bohrmaschine und die Prozesse, in denen das ERP-System eingesetzt wird, sind ebenfalls komplexer als die der Bohrmaschine. Das wollen so manche kleine Unternehmen nicht wahrhaben.

Unternehmenssoftware soll man so kaufen können, wie ein Smartphone. Einschalten, ein paar Kleinigkeiten einrichten, dann läuft es. Dass die Welt im Unternehmenskontext komplizierter ist und man viel mehr beachten muss (Datenschutz, Datensicherheit, Betriebssicherheit und die lästigen eigenen Prozesse und Mitarbeiter und die Prozesse der Kunden und Lieferanten usw.), wird gerne verdrängt. Da sollen die ITler sich anstrengen und einfachere Lösungen entwickeln.

Das macht die IT auch und es gibt hervorragende Standardlösungen. Aber um zu wissen, welche am besten passt, muss man sich anschauen, was man denn braucht. Und das ist nicht einfach.

Produktionsunternehmen und IT: zwei Welten treffen aufeinander

Zwei Welten stoßen aufeinander.

Jeder Zulieferer eines Automobilunternehmens weiß, wie genau und präzise ihre Kunden sogar einfachste Bauteile spezifizieren. Woher kommt die große Ablehnung, dies selber bei IT-Lösung auch so zu tun? Ich denke, hier kommen verschiedene Faktoren zusammen, die sich in diesen Zitaten widerspiegeln:

„IT ist eine komplett andere Materie, als eine Maschine. Man kann IT nicht sehen, höchstens einen kleinen Teil an den Bildschirmen. Aber kaum etwas von den Prozessen, die sich im Hintergrund abspielen. Man kann nicht reinschauen.“
„Die ITler sprechen eine komplett andere Sprache und leben in einer anderen Welt. Als normaler Mensch versteht man die nicht.“
„Wir wissen gar nicht, was die IT von uns braucht und wie wir das für sie aufschlüsseln sollen.“
„Die ITler helfen uns dabei auch nicht wirklich. Sie interessieren sich auch nur für ihre Lösung. Alles drum herum blenden die aus.“
Viele der IT-Lösungsanbieter haben dies verstanden und fangen an sich zu bewegen. Das reicht aber nicht. Ihre Kunden, die mittelständischen Unternehmen, müssen auch etwas tun.

Digitalisierung ist Chefsache

Digitalisierung ist Chefsache

„Unser Kunde aus der Luftfahrtindustrie kann bis morgens sechs Uhr die Prioritäten der anstehenden Aufträge verschieben und neu setzen. Der Meister muss dann schauen, wie er die Teile produziert bekommt.“ So der Geschäftsführer eines ca. 700 Mitarbeiter starken Zulieferers für die Automobilindustrie und die Luftfahrtindustrie.

Hieraus wird deutlich, welchen hohen Herausforderungen sich heute ein metallverarbeitendes Unternehmen stellen muss. Solche Unternehmen sind nicht mehr „nur“ metallverarbeitende Unternehmen. Sie sind auch datenbasierte Dienstleistungsunternehmen. Denn nicht nur die Qualität ihrer Metall-Produkte ist entscheidend für die Auftragsvergabe. Wie sie diese Produkte in die Wertschöpfung ihrer Kunden integrieren, ist genauso entscheidend. Und das geht nur über Services, die ohne die Verarbeitung und den Austausch von Daten nicht leistbar sind. Hieraus ergibt sich eine neue Rolle und ein neues Selbstverständnis für die Unternehmen.

Der Digitalisierungsprozess verläuft schleichend. Es begann mit der Einführung der ersten PCs. Dann kam immer neuere Software dazu. Aber die IT gehörte nie zum Kerngeschäft. Mit der Digitalisierung wird die Bedeutung der IT für die Unternehmen enorm gesteigert. Dieser umwälzende Wandel ist nur zu machen, wenn die Digitalisierung zur Chefsache erklärt wird.

Gute IT-Dienstleister sind dabei sehr wichtig. Aber die Unternehmen müssen selber auch etwas tun, denn die IT-Dienstleister haben genug mit ihren eigenen Lösungen zu tun. Sobald mehrere Dienstleister im Spiel sind, wird es für das Unternehmen schwer. Natürlich kann man ein renommiertes Beratungshaus engagieren. Aber wer kann die bezahlen? Und was ist, wenn die wieder weg sind. Dann steht man mit den Problemen alleine.

Ich bin der Überzeugung, dass mittelständische Unternehmen mehr brauchen, als nur gute Ratschläge. Sie brauchen aktive Unterstützung und ein Coaching der eigenen Mitarbeiter, damit die Digitalisierung im Unternehmen auch wirklich verankert wird und nicht nach dem Projektende der Berater wie ein Fremdköper so langsam aber sicher abgestoßen wird.

Interdisziplinarität

Aus meiner Sicht war das Colloquium ein voller Erfolg. Ein Dankeschön an die beiden Veranstalter: den SIBB (Verbandes der IT-Industrie Berlin-Brandenburg) und das IMI (Innovationszentrum Moderne Industrie Brandenburg). LikeDanke, dass sie in einer gemeinsamen Veranstaltung die beiden Parteien a zusammen gebracht haben, die gemeinsam die Digitalisierung umsetzen müssen. Denn nur wenn diese beiden Parteien gemeinsam an dieser großen Herausforderung arbeiten, kann der deutsche Mittelstand wettbewerbsstark für die digitale Zukunft aufgestellt werden. Aber dazu müssen beide Seiten sich noch aufeinander zu bewegen. Vielleicht lässt sich beim nächsten Mal auch einer der Industrieverbände dazu bewegen, mit zu machen.

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